Perfektionismus und ständige Selbstkritik
Perfektionismus und ständige Selbstkritik gehören häufig eng zusammen. Nach außen ist ein Ergebnis vielleicht gelungen. Innerlich bleibt aber nicht das Gelungene im Vordergrund, sondern das, was hätte besser sein können. Eine kleine Unschärfe, ein unpassender Satz oder eine nicht ideale Reaktion kann mehr Gewicht bekommen als die gesamte Leistung.
Ständige Selbstkritik wirkt zunächst wie ein Versuch, sich zu verbessern. Sie soll wachsam machen, Fehler verhindern und dafür sorgen, dass man beim nächsten Mal besser vorbereitet ist. Doch wenn Selbstkritik dauerhaft aktiv bleibt, verliert sie ihre orientierende Funktion. Sie erzeugt nicht mehr Klarheit, sondern inneren Druck.
In diesem Beitrag geht es darum, warum das Gelungene bei Perfektionismus oft in den Hintergrund rückt, warum kleine Fehler so stark bewertet werden und wie Selbstkritik als Teil einer Sicherheitsstrategie verstanden werden kann.
Wichtig ist dabei, Selbstkritik nicht sofort wieder perfektionistisch zu bearbeiten. Auch der Umgang mit dem inneren Kritiker muss nicht fehlerfrei sein. Es reicht, den Prozess häufiger zu bemerken und an einzelnen Stellen nicht mehr automatisch in die alte Bewertungsschleife einzusteigen.
Gerade kleine Unterbrechungen sind bedeutsam. Ein Gedanke wird bemerkt, aber nicht weiter verhandelt. Ein Fehler wird korrigiert, aber nicht zur Person erklärt. Eine positive Rückmeldung wird nicht sofort entwertet. Solche Momente verändern den inneren Maßstab langsam, aber wirksam.
Damit wird Selbstkritik nicht abgeschafft, sondern begrenzt. Sie darf dort bleiben, wo sie konkrete Orientierung gibt. Sie verliert jedoch den Anspruch, jede Leistung, jede Reaktion und jede Abweichung umfassend bewerten zu müssen. Genau dadurch entsteht mehr innerer Spielraum.
Dieser Spielraum ist der eigentliche Gegenpol zur perfektionistischen Selbstkritik.
Er entsteht nicht dadurch, dass man sich immer freundlich bewertet, sondern dadurch, dass Bewertung nicht mehr jedes innere Erleben bestimmen muss. Das Gelungene darf wieder sichtbar werden, Fehler dürfen begrenzt bleiben und der Kopf muss nicht aus jeder Unvollkommenheit eine neue Prüfung machen.
So wird aus ständiger Selbstkritik schrittweise eine sachlichere, begrenztere Form von Rückmeldung.
Das ist kein schneller Trick, sondern ein Lernprozess mit Wiederholung im Alltag.
Genau dafür braucht es eine klare Struktur und einen ruhigen, nicht perfektionistischen Übungsrahmen.
Damit bleibt Veränderung konkret, statt selbst wieder zur Leistungsprüfung zu werden.
Entscheidend ist die wiederholte Erfahrung, dass ein kritischer Gedanke nicht automatisch eine neue Selbstbewertung auslösen muss. Dadurch wird der innere Kritiker nicht vernichtet, aber seine Steuerungsfunktion wird geringer.
Kurz gesagt
Bei Perfektionismus rückt das Gelungene häufig in den Hintergrund, weil der Kopf stärker auf mögliche Fehler, Kritik oder Unvollständigkeit reagiert. Ständige Selbstkritik wirkt zunächst wie Schutz vor Nachlässigkeit, stabilisiert langfristig aber Fehlerfokus und inneren Druck.
Inhalt dieses Artikels
- Warum das Gelungene in den Hintergrund rückt
- Wie der innere Kritiker Sicherheit verspricht
- Warum kleine Fehler persönlich wirken
- Warum Lob oft wenig entlastet
- Wie Vergleich Selbstkritik verstärkt
- Warum Selbstkritik in Grübeln übergehen kann
- Wie ein anderer Umgang mit Selbstkritik entsteht
- Häufige Fragen
Warum das Gelungene in den Hintergrund rückt
Das Gelungene rückt bei Perfektionismus häufig in den Hintergrund, weil der Kopf vor allem auf mögliche Gefahr reagiert. Gelungenes gilt schnell als selbstverständlich. Fehler dagegen wirken relevant, weil sie Kritik, Scham oder spätere Korrektur auslösen könnten.
Diese Gewichtung ist psychologisch nachvollziehbar, aber belastend. Wenn nur das Unvollständige Aufmerksamkeit bekommt, entsteht ein verzerrtes inneres Bild. Das Ergebnis kann objektiv gut sein, aber innerlich bleibt vor allem das übrig, was nicht ideal war.
Ein typisches Beispiel ist eine positive Rückmeldung mit einem kleinen Hinweis zur Verbesserung. Sachlich könnte man beides aufnehmen: Das meiste war gut, ein Punkt kann angepasst werden. Perfektionistisch verschiebt sich der Fokus. Der Verbesserungspunkt wird zum Hauptthema.
Diese Verschiebung ist nicht einfach Pessimismus. Sie folgt einer Sicherheitslogik. Der Kopf sucht nach dem, was gefährlich werden könnte. Wenn er den Fehler erkennt, kann er ihn vielleicht künftig vermeiden. Dadurch wirkt Selbstkritik zunächst sinnvoll.
Langfristig entsteht jedoch ein Problem: Das Gehirn speichert nicht ausreichend, dass etwas gelungen ist. Es speichert vor allem, dass noch mehr Aufmerksamkeit nötig war. Dadurch bleibt der innere Standard streng und das Vertrauen in die eigene Leistung wächst kaum.
Der Hauptartikel Perfektionismus überwinden beschreibt diesen Prozess als Teil einer umfassenderen Gedankendynamik. Selbstkritik ist dabei nicht nur ein Gedanke über sich selbst, sondern eine Reaktion auf Unsicherheit und Fehlerfokus.
Wie der innere Kritiker Sicherheit verspricht
Der innere Kritiker wird oft als Gegner erlebt. Gleichzeitig hat er eine Schutzfunktion. Er will verhindern, dass Fehler wieder passieren, dass man unvorbereitet wirkt oder dass Kritik überraschend kommt. Genau deshalb ist er so überzeugend.
Diese Schutzfunktion macht Selbstkritik schwer loszulassen. Wenn der Kritiker schweigt, entsteht manchmal Sorge. Werde ich dann nachlässig? Übersehe ich etwas? Sinkt mein Anspruch? Diese Sorge zeigt, dass Selbstkritik nicht nur bewertet, sondern Sicherheit verspricht.
Das Problem ist, dass der Kritiker kaum zufrieden ist. Jede Verbesserung kann erneut bewertet werden. Jede Entlastung kann infrage gestellt werden. Selbst wenn objektiv alles gut lief, fragt der Kritiker, ob es nicht noch besser hätte sein können.
Dadurch wird Selbstkritik zu einer Dauerprüfung. Sie begleitet nicht nur Fehler, sondern auch Erfolg. Man darf sich nicht zu früh freuen. Man soll kritisch bleiben. Man soll aus allem lernen. Aus Lernbereitschaft wird so ein Zustand permanenter innerer Bewertung.
Eine Verbindung besteht hier zu mentaler Überkontrolle. Wenn innere Zustände und eigene Reaktionen ständig überprüft werden, entsteht ein ähnlicher Druck. Der geplante Blogartikel Gedanken kontrollieren wollen ergänzt diese Perspektive aus dem Kontrollcluster.
Veränderung bedeutet nicht, den inneren Kritiker aggressiv zu bekämpfen. Das würde oft nur eine neue Form von Kontrolle erzeugen. Sinnvoller ist, seine Funktion zu erkennen und ihn nicht mehr automatisch als letzte Autorität zu behandeln.
Warum kleine Fehler persönlich wirken
Fehler wirken bei perfektionistischer Selbstkritik häufig persönlich. Ein Fehler ist dann nicht nur eine Information über eine Aufgabe, sondern scheinbar ein Hinweis auf die eigene Person. Genau diese Verschiebung macht kleine Fehler so belastend.
Ein sachlicher Fehler sagt zunächst nur: An dieser Stelle stimmt etwas nicht. Perfektionistische Selbstkritik ergänzt: Ich hätte das verhindern müssen. Ich war nicht aufmerksam genug. Ich bin nicht gut genug. Dadurch wird der Fehler emotional aufgeladen.
Diese persönliche Deutung kann zu starkem innerem Druck führen. Der Kopf versucht nicht nur, den Fehler zu korrigieren, sondern auch das Gefühl loszuwerden, als Person beschädigt zu sein. Kontrolle, Überarbeiten und nachträgliche Analyse sollen diesen Zustand beruhigen.
Im Beitrag Perfektionismus erkennen wird beschrieben, wie sich starke Fehlerfokussierung im Alltag zeigt. Hier steht die innere Bewertung im Vordergrund: Warum wird ein Detail so schnell zu einem Selbsturteil?
Ein wichtiger Schritt besteht darin, Fehler wieder zu begrenzen. Fehler sind Ereignisse, keine Gesamtbeschreibungen. Eine unklare Formulierung bedeutet nicht, dass alles schlecht war. Ein nicht perfekter Moment bedeutet nicht, dass die gesamte Person unzureichend ist.
Diese Begrenzung muss praktisch gelernt werden. Solange jeder Fehler sofort mit Selbstkritik beantwortet wird, bleibt die alte Bedeutung bestehen. Erst wenn ein Fehler registriert wird, ohne sofort in umfassende Selbstabwertung überzugehen, kann er an innerer Macht verlieren.
Warum Lob oft wenig entlastet
Lob entlastet bei Perfektionismus oft weniger, als Außenstehende erwarten. Das liegt nicht daran, dass Lob grundsätzlich unwichtig wäre. Es liegt daran, dass der Kopf positives Feedback schnell relativiert. Vielleicht meint die Person es nur höflich. Vielleicht hat sie den Fehler nicht gesehen. Vielleicht war der Maßstab nicht streng genug.
Diese Relativierung schützt scheinbar vor zu früher Entlastung. Der Kopf will sicherstellen, dass man nicht nachlässig wird. Doch dadurch verliert Lob seine korrigierende Wirkung. Es kann das innere Bild kaum verändern, weil es sofort geprüft und abgeschwächt wird.
Negative Hinweise wirken dagegen glaubwürdiger. Sie passen zum Sicherheitsmodus. Der Kopf behandelt Kritik als relevante Information, Lob als unsichere Information. Dadurch entsteht eine Schieflage: Belastendes wird gespeichert, Entlastendes wird relativiert.
Diese Schieflage verstärkt Selbstkritik. Man kann objektiv gute Rückmeldungen bekommen und dennoch innerlich bei einem Mangel bleiben. Das führt zu einem Zustand, in dem Anerkennung nicht wirklich ankommt.
Ein anderer Umgang beginnt damit, Lob nicht sofort als endgültigen Beweis für den eigenen Wert zu brauchen. Es darf einfach eine Information sein. Ebenso darf Kritik eine Information sein, aber nicht das alleinige Zentrum der Bewertung.
Dieser ausgewogenere Umgang ist keine künstliche Positivität. Er bedeutet, die Gewichtung realistischer zu machen. Das Gelungene soll nicht überhöht werden. Es soll nur nicht automatisch verschwinden.
Wie Vergleich Selbstkritik verstärkt
Vergleich kann Selbstkritik stark verstärken. Andere wirken schneller, lockerer, präziser, erfolgreicher oder weniger angespannt. Der Kopf nutzt diese Beobachtungen, um den eigenen Maßstab weiter zu verschieben. Statt Orientierung entsteht Druck.
Besonders problematisch ist, dass Vergleiche meist unvollständig sind. Man sieht das Ergebnis anderer, aber nicht deren inneren Aufwand, Fehler, Unsicherheiten oder Korrekturen. Perfektionismus vergleicht häufig die eigene Innenansicht mit der Außenansicht anderer.
Durch diesen Vergleich wirkt das eigene Ergebnis defizitär. Was bei anderen leicht aussieht, wird zum Maßstab. Die eigene Anstrengung erscheint dann wie ein Beweis, dass man nicht natürlich gut genug ist. Das verstärkt Selbstkritik.
Vergleich kann auch nach Erfolgen auftreten. Statt den eigenen Fortschritt wahrzunehmen, fragt der Kopf, wer noch besser war. Dadurch bleibt das Gelungene relativ. Es zählt nicht, was erreicht wurde, sondern ob es im Vergleich ausreichend ist.
Diese Dynamik ist mit Entscheidungsstress verwandt, weil auch dort Vergleich und Abwägung den inneren Prozess verlängern können. Der geplante Blogartikel Warum zu viel Analyse Entscheidungen blockiert zeigt diese Mechanik aus der Entscheidungsperspektive.
Ein hilfreicher Schritt ist, Vergleich als Auslöser zu erkennen. Nicht jeder Vergleich muss beantwortet werden. Nicht jede Beobachtung anderer muss zum eigenen Maßstab werden. Der Kopf darf bemerken, ohne sofort das eigene Ergebnis abzuwerten.
Warum Selbstkritik in Grübeln übergehen kann
Selbstkritik geht häufig in Grübeln über. Nach einer Aufgabe taucht ein kritischer Gedanke auf. Statt ihn als begrenzte Information zu behandeln, beginnt der Kopf zu analysieren. Warum habe ich das gesagt? Warum habe ich es nicht besser gemacht? Was sagt das über mich aus?
Diese Fragen können zunächst wie Lernen wirken. Problematisch wird es, wenn sie keinen neuen Handlungsschritt erzeugen. Dann wird dieselbe Situation wiederholt geprüft. Die Selbstkritik hält das Thema aktiv.
Der Blogartikel Warum hört Grübeln nicht auf? beschreibt, warum solche gedanklichen Schleifen stabil bleiben. Auch der Artikel Gedankenkreisen stoppen passt hier, weil Selbstkritik häufig kreisendes Denken auslöst.
Bei Perfektionismus ist das Grübeln besonders hartnäckig, weil es moralisch aufgeladen sein kann. Der Kopf sucht nicht nur Erklärung, sondern Entlastung von dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.
Auch Grübeln vor dem Einschlafen ist relevant. Viele selbstkritische Gedanken werden abends stärker, wenn äußere Ablenkung wegfällt und der Kopf offene Bewertungen erneut aufruft.
Der Wendepunkt liegt darin, Selbstkritik nicht jedes Mal weiterzudenken. Ein kritischer Gedanke darf auftauchen, ohne dass daraus eine lange Analyse entstehen muss.
Warum Selbstkritik so schnell den Selbstwert berührt
Perfektionistische Selbstkritik berührt häufig den Selbstwert. Das geschieht, wenn Leistung, Fehlervermeidung und persönliche Bewertung eng miteinander verbunden sind. Eine Aufgabe ist dann nicht nur etwas, das erledigt wird. Sie wird zum Hinweis darauf, ob man ausreichend, kompetent oder zuverlässig ist.
Diese Verbindung macht kleine Abweichungen emotional stark. Ein Fehler bleibt nicht auf der Sachebene. Er wird zum Beweisstück in einer inneren Bewertung. War ich sorgfältig genug? Bin ich wirklich kompetent? Habe ich mich blamiert? Diese Fragen erzeugen Druck, weil sie viel größer sind als der ursprüngliche Anlass.
Der Kopf versucht, diesen Selbstwertdruck durch mehr Kontrolle zu reduzieren. Wenn beim nächsten Mal alles besser läuft, müsste der innere Zweifel verschwinden. Doch häufig passiert das Gegenteil. Weil so viel auf dem Spiel steht, steigt die Aufmerksamkeit auf mögliche Fehler. Dadurch wird die Selbstkritik noch empfindlicher.
Ein entscheidender Schritt besteht darin, Leistung und Person wieder stärker zu trennen. Ein Ergebnis kann verbessert werden, ohne dass die Person als Ganzes infrage steht. Eine Reaktion kann ungünstig gewesen sein, ohne dass daraus ein umfassendes Urteil folgt. Diese Trennung klingt selbstverständlich, ist aber bei starkem Perfektionismus oft nicht mehr stabil verfügbar.
Reaktionsverzicht bedeutet hier auch, nicht jedes Selbstwertsignal weiter zu prüfen. Der Gedanke „Das war nicht gut genug“ muss nicht automatisch in eine lange Selbstanalyse führen. Man kann ihn bemerken, begrenzen und zur Sachebene zurückkehren.
Wenn diese Trennung wiederholt gelingt, verliert Selbstkritik an Absolutheit. Sie bleibt nicht zwingend angenehm, aber sie wird weniger bestimmend. Dann kann ein Fehler wieder ein Fehler sein und muss nicht die ganze Person beschreiben.
Wie Rückmeldungen realistischer eingeordnet werden können
Rückmeldungen sind für perfektionistische Selbstkritik besonders bedeutsam. Sie können entlasten, aber auch neue Prüfung auslösen. Eine positive Rückmeldung wird relativiert, eine kritische Rückmeldung wird vergrößert. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht, das den inneren Kritiker bestätigt.
Eine realistischere Einordnung beginnt damit, Rückmeldungen nicht als Urteil über die ganze Person zu behandeln. Rückmeldung bezieht sich meist auf einen Ausschnitt: ein Ergebnis, eine Situation, eine Wirkung, eine konkrete Stelle. Perfektionismus macht daraus schnell eine Gesamtbewertung.
Zudem ist wichtig, Rückmeldung nicht nur nach ihrer emotionalen Wirkung zu gewichten. Eine kritische Bemerkung fühlt sich oft stärker an als fünf positive. Das bedeutet aber nicht, dass sie sachlich wichtiger ist. Gefühlte Intensität und objektive Bedeutung sind nicht dasselbe.
Auch positive Rückmeldungen dürfen als Daten gelten. Sie müssen nicht überhöht werden. Aber sie sollten nicht automatisch aussortiert werden. Wenn der Kopf nur kritische Daten zulässt, entsteht kein realistisches Bild.
Hier wird erneut sichtbar, warum das Gelungene in den Hintergrund rückt. Nicht weil es nicht existiert, sondern weil es weniger als sicherheitsrelevant bewertet wird. Veränderung bedeutet, dieses Bewertungsgewicht Schritt für Schritt zu korrigieren.
Warum positives Denken allein oft nicht reicht
Bei ständiger Selbstkritik liegt der naheliegende Rat häufig darin, positiver über sich zu denken. Dieser Rat kann gut gemeint sein, greift aber oft zu kurz. Perfektionistische Selbstkritik ist nicht nur ein Mangel an positiven Gedanken. Sie ist ein Prozess, der Unsicherheit, Fehlerfokus und Kontrolle miteinander verbindet.
Wenn man einen selbstkritischen Gedanken einfach durch einen positiven Satz ersetzt, prüft der Kopf diesen Satz häufig sofort. Stimmt das wirklich? Rede ich mir etwas schön? Was, wenn die Kritik doch berechtigt ist? Dadurch kann der positive Satz selbst zum neuen Prüfgegenstand werden.
Deshalb ist ein anderer Zugang oft hilfreicher. Es geht nicht darum, Selbstkritik mit Gegenlob zu überdecken. Es geht darum, ihre Funktion zu erkennen. Will sie konkret verbessern? Oder will sie Sicherheit erzwingen? Diese Unterscheidung ist präziser als der Versuch, sich sofort besser zu fühlen.
Ein realistischer Umgang mit Selbstkritik lässt auch unangenehme Informationen zu, ohne daraus ein Gesamturteil zu machen. Das Ergebnis war an einer Stelle nicht optimal. Gleichzeitig war nicht alles schlecht. Diese nüchterne Differenzierung ist oft wirksamer als ein innerer Kampf zwischen Kritik und Beruhigung.
Im Kontext des Blokesch-Modells der Gedankendynamik wird Selbstkritik deshalb als Teil eines Ablaufs betrachtet. Ein Auslöser erhält Bedeutung, der Kopf reagiert mit Bewertung, die Bewertung erzeugt kurzfristig Orientierung, hält aber langfristig den inneren Druck aufrecht. Genau an dieser Prozessstelle setzt Veränderung an.
Wie ein anderer Umgang mit Selbstkritik entsteht
Ein anderer Umgang mit Selbstkritik beginnt nicht mit dem Ziel, nie wieder kritisch zu sein. Kritik kann sinnvoll sein, wenn sie konkret, begrenzt und handlungsorientiert ist. Belastend wird sie, wenn sie pauschal, wiederholend und identitätsbezogen wird.
Die erste Frage lautet daher: Führt diese Kritik zu einer konkreten Verbesserung? Wenn ja, kann sie genutzt werden. Wenn nein, ist sie vermutlich Teil des Drucksystems. Dann braucht es nicht mehr Kritik, sondern Abstand zur Bewertungsbewegung.
Die zweite Frage lautet: Wird das Gelungene überhaupt erfasst? Wer nur Fehler sieht, hat kein realistisches Bild. Es geht nicht darum, sich schönzureden. Es geht darum, vollständiger wahrzunehmen. Dazu gehört auch, was funktioniert hat.
Die dritte Frage betrifft den Reaktionsverzicht. Muss jeder selbstkritische Gedanke beantwortet werden? Muss jede mögliche Schwachstelle korrigiert werden? Muss jedes ungute Gefühl durch Analyse gelöst werden? Genau hier beginnt Veränderung.
Im Programm zu Perfektionismus wird dieser Prozess systematisch vertieft. Selbstkritik wird nicht nur als Inhalt betrachtet, sondern als Teil einer Sicherheitsstrategie. Dadurch wird sichtbar, wann sie Orientierung gibt und wann sie den inneren Druck stabilisiert.
Weitere Artikel im Perfektionismus-Cluster
Die folgenden Beiträge vertiefen angrenzende Aspekte desselben Musters. Sie sind bewusst miteinander verlinkt, damit Perfektionismus nicht nur als einzelne Eigenschaft, sondern als zusammenhängende Gedankendynamik sichtbar wird.
Verwandte Programmbereiche
Perfektionismus überschneidet sich häufig mit anderen Mustern der Gedankendynamik. Je nach Schwerpunkt können auch diese Programmbereiche relevant sein:
- Nicht abschalten können – wenn innerer Druck nach Aufgaben weiterläuft.
- Entscheidungsstress – wenn Auswahl, Verantwortung und Fehlervermeidung Entscheidungen erschweren.
- Mentale Überkontrolle – wenn Gedanken, Gefühle oder innere Zustände ständig geprüft werden.
- Grübeln – wenn gedankliche Schleifen immer wieder zur gleichen Situation zurückkehren.
- Umgang mit Unsicherheit – wenn offene Situationen sofort innere Anspannung auslösen.
Häufige Fragen
Warum kritisiere ich mich trotz guter Ergebnisse?
Weil das Gelungene beim Perfektionismus oft schnell als selbstverständlich gilt, während mögliche Fehler als sicherheitsrelevant bewertet werden.
Warum kommt Lob innerlich nicht an?
Lob wird häufig relativiert, weil der Kopf weiter nach möglichen Mängeln sucht. Kritik wirkt dann glaubwürdiger als positive Rückmeldung.
Ist Selbstkritik nicht wichtig für Verbesserung?
Begrenzte, konkrete Kritik kann hilfreich sein. Ständige, pauschale oder persönlich abwertende Kritik erzeugt dagegen meist Druck und hält Perfektionismus aufrecht.
Warum grüble ich nach kleinen Fehlern so lange?
Weil der Fehler nicht nur sachlich bewertet wird, sondern Bedeutung für die eigene Person bekommt. Dadurch beginnt der Kopf, Sicherheit durch Analyse zu suchen.
Was hilft gegen ständige Selbstkritik?
Hilfreich ist, Selbstkritik nach ihrer Funktion zu fragen, das Gelungene wieder mitzuerfassen und nicht jeden kritischen Gedanken automatisch weiter zu bearbeiten.
Fazit: Selbstkritik ist nicht immer Orientierung, sondern oft Teil der Sicherheitsstrategie
Ständige Selbstkritik hält Perfektionismus aufrecht, wenn sie nicht mehr zu konkreter Verbesserung führt, sondern das Gefühl verstärkt, nie gut genug zu sein. Dann wird das Gelungene nicht verarbeitet, sondern durch mögliche Fehler überschattet.
Der entscheidende Schritt besteht darin, Selbstkritik nicht automatisch als Wahrheit zu behandeln. Sie kann ein Signal sein, aber sie ist nicht immer eine hilfreiche Instanz. Manchmal zeigt sie nur, dass der Kopf gerade versucht, Sicherheit durch Bewertung herzustellen.
Wer diesen Prozess erkennt, kann beginnen, das Gelungene wieder mitzuerfassen, Fehler zu begrenzen und den inneren Kritiker nicht jedes Mal mit weiterer Analyse zu beantworten.
Strukturierter nächster Schritt bei Perfektionismus
Im Therapeutischen Selbstmanagement-Programm zu Perfektionismus wird dieser Prozess systematisch vertieft. Der Fokus liegt darauf, Perfektionismus als Sicherheitsstrategie zu verstehen, den Übergang von Sorgfalt in Kontrolle früher zu erkennen und durch Reaktionsverzicht neue Erfahrungen im Umgang mit Fehlerfokussierung, Selbstkritik und innerem Druck aufzubauen.
Das Programm ist ein psychologisch fundiertes Selbstmanagement-Training und ersetzt keine Psychotherapie oder akute Krisenhilfe.
Über Dr. Richard Blokesch und das Blokesch-Modell der Gedankendynamik
Dr. Richard Blokesch entwickelt psychologisch fundierte Selbstmanagement-Programme für wiederkehrende Denk- und Kontrollprozesse. Im Mittelpunkt steht das Blokesch-Modell der Gedankendynamik: ein Modell dafür, wie Gedanken, Ansprüche und innere Prüfprozesse entstehen, warum sie sich stabilisieren und wie sich der Umgang mit innerem Druck, Unsicherheit und Kontrollimpulsen schrittweise verändern lässt.